Eine ZIEGE fuer die JUNGFRAU - FETTER VOGEL fuer den KONGO =========================================================== Weitere Berichte vom IKT-Projekt Congo:Deux 14. 11. 2003 WO DER HAMMER HAENGT Kinshasa, Kongo - manche meinen, das ist nur was fuer Leute die unbedingt gezeigt bekommen wollen, wo der Hammer haengt. Was ich hier mit eigenen Augen gesehen hab, ist dagegen weniger martialisch: Eine Hochkultur im gegenseitigen Umgang, mitunter etwas verschroben und kompliziert. Und dann hab ich noch gelernt, wie man den doppelten Windsor bindet. Der ist naemlich wichtig, auf dass man adrett gekleidet auftritt und nicht als Strubel-Stinke-Mundele daherkommt. (Mundele = Lingala fuer "Weisser") Gestern musste ich mal wieder etwas tiefer ins Glas, um genau zu sein in die etwas unhandlichen dafuer aber nachhaltigen 72 cl Bierflaschen schauen - es hat sich so ergeben. Und da man vom Bier mued wird, gabs dann noch eine Kolanuss zum wieder munter werden - es war wirklich sehr, sehr spassig, was ich dann dann so alles gesehen und gehoert hatte. Lustig hat's auch unser Kleiner: Gestern war er noch batzenstolz, weil er seinen ersten Löwen gefangen hatte, heute kotzt er was das Zeug hält. "Peal it, cook it or forget it", das gilt auch fuer Loewen und so ein Viech mit Haut und Haar runtergeschlungen, kann schon mal Verdaungsprobleme bereiten. Wenn er nicht auf Jagd ist, spielt er im Garten oder bringt seinen neuen Freunden oesterreichisches Liedgut naeher. Aktueller Hit der Jugend in Salongo: "Happi Boersdai tu ju, Marmelade im Schuh, Aprikose in der Hose ..." Schau ma mal, wie lange das mit der Colanuss noch anhaelt, und wann endlich diese bl ue Giraf e vo mei em Not book vers wind - sie stoert, weil sie mir dau rnd die Buchst ben wegaest. Zum hochkultivierten, manchmal etwas verschrobenen Umgang: Bis z. B. Mann und Frau gesellschaftlich akzeptiert zusammenkommen, da passiert ein bissl was vorher: Maennchen gesteht Weibchen seine Liebe, Weibchen sagt: Guter Mann, ich mag dich auch. Im eher lockeren "Westen" (der mitnichten im Westen sondern im Norden liegt) verschwindet so manches Paerchen anschliessend unter der Decke... . Nicht so hier: Naechster Schritt ist, dass der junge Mann mit seinen Freunden bei der Familie der Frau guten Tag sagt, wobei genau genommen, die Freunde, nicht der heiratswillige Jungmann, den Elteren der Frau erklaeren, was Sache ist, Ab dann sind die beiden verlobt, und Mann darf Frau bei ihr zu Hause besuchen und betrachten, darf auch ausgehen, aber muss sie Abends immer wieder brav abgeben - nix mit auswaerts uebernachten - das gibts erst nach der Heirat. In weiterer Folge dann bringt der Mann viel Geld zu den Eltern der Frau, diese uebergeben dem Mann dann noch eine Wunschliste, was sie nicht alles gerne haetten (Anzug fuer den Vater, Kleid fuer die Mutter) und wenn er das finanziell dann auch noch derblast, dann kann's losgehen mit der traditionellen Heirat, die im Prinzip ein Festl ist. In fruehern Zeiten kam dann nach der Hochzeitsnacht die Mutter der Braut zum frischvermaehlten Ehemann und erkundigte sich, ob mit der Frau auch alles in Ordnung war, sprich Jungfernhaeutchen usw. Wenn alles ok, dann gab's eine Ziege als Belohnung fuer die Mama, weil sie so gut auf ihre Tochter aufgepasst hatte; wenn nein, hat sie ihre Tochter gleich wieder mitnehmen koennen - bloed gelaufen. Diese Ziegenpraemie ist aber wie anfangs erwaehnt inzwischen mehr Geschichte denn gaengige Praxis. Das in der obigen Beschreibung ein wenig Ironie mitschwingt, hat auch damit zu tun, dass ich dem Modell des vertraglich regelmentierten Sexuallebens, dem Tausch materielle Sicherheit gegen Sexualitaet nirgendwo viel abgewinnen kann, weshalb ich auch der in meiner Kultur ueblichen Ehe sagen wir einmal kritisch gegenueberstehe. Was mir aber bemerkenswert erscheint, ist wie kollektiv, der Prozess in seiner afrikanischen Variante ablaeuft. Waehrend man bei uns so tut, als wie wenn das Umfeld (Freunde, Familie) das alles nichts angeht und betrifft, ist hier dieses Umfeld sehr viel mehr eingebunden: Die Freunde des Mannes z.B. spielen ein Rolle, die Eltern sowieso. (Nachtrag zum Prozess der Verehelichung: Aus gewoehnlich gut informierter Quelle erfuhr ich, dass das mit dem vorehelichen Nicht-Sex auch wiederrum nicht sooo ernst ist - offiziell halt, aber in der Realitaet gehts zwar nicht unter die Decke - nona bei 32 Grad mach ich das auch nicht unter der Decke - sondern halt irgendwoanders hin zum Grabeln.) Eine andere, wirklich wohltuende Eigenschaft der hiesigen Gesellschaft ist, dass Fakten und Geschehnisse einfach einmal festgehalten und so wie sie sind stehen gelassen werden. Klar kann es sein, dass jemand kommentiert, "der Nachwuchs ist heut' aber sehr laut" , nur damit hat es sich schon: Niemand kommt auf die Idee, sich dafuer zu entschuldingen, zu rechtfertigen oder sich darueber zu beschweren. Der permanente Wettbewerb, wer das bessere (ruhigere, intelligentere, weiter entwickelte, ...) Kind hat, der in unseren Breiten schon so alltaeglich ist, dass er nicht mehr bewusst wahrgenommen wird, den gibts hier nicht. Das zeigt sich auch bei Themen wie Arbeitslosigkeit etc.: Manche Leute haben ein Arbeit manche nicht, niemand kommt auf die Idee, dass ihm das peinlich sein koente keine Arbeit zu haben. Es ist ihm oder ihr vielleicht unangenehm, da er/sie kein Einkommen hat, woraus sich etliche Schwierigkeiten ergeben, aber das Stigma der Arbeitslosigkeit, das fehlt. Zum Teil dann schon wieder kurios ist, dass alles, aber auch wirklich alles geteilt wird: Am Beifahrersitz sitzen sicherlich zwei Personen, ist's nur eine, handelt es sich um einen klimatisisrten UN-Bus, die mitunter auch mal leer durch die Gegend gondeln - von einem normalen kongolesischen Fahrzeug undenkbar. Die Betten sind auch alle gut ausgelastet, und gestern sahen wir einen Buben mit einem Inlineskater (am linken Fuss) die Strasse runterrollen. Minuten spater kam ein anderer Bub, ebenfalls mit einem Skateschuh, diesmal am rechten Fuss. So geht's also auch. 21. 11.2003 DUNKLE WOLKEN ... Dunkel war's der Mond schien helle ... ich denke man soll die duesteren Seiten eines Vorhabens nicht verschweigen - klar macht's sich gut in Drittwelt-Romatik zu schwelgen und den Erwartungen des p.t. Publikums entgegen zu kommen, dass bei den "Naturvoelkern" alles gut und alle lieb sind, doch abgesehen davon, dass wir uns hier ein bissl wo anders bewegen als in einem Naturvolk, machen uns hier einige Dinge sehr zu schaffen - so sehr, dass das Projekt soeben in eine vertiable Krise (nettes Wort, vor allem von Politschreiberlingen gerne verwendet) geschlittert ist. Wie bereits in der ersten Aussendung angedeutet, ist die hiesige Organisationskultur hoeflich ausgedruck verbesserungswuerdig. Inzwischen hab ich mir diese Hoeflichkeit abgewohnt und sage: "Die KongolesInnen sind im Allgemeinen in einem Ausmass unpuenktlich und unzuverlaessig, dass es mir nur noch graust!" Es ist bis dato unmoeglich, sich einen Termin auszumachen, es werden Arbeiten wenn ueberhaupt irgendwann fertiggestellt, nur sicherlich nicht zu dem Termin den man vereinbart hatte. Auch die Qualitaet der Arbeiten, ist oft ein Witz: Verkabelungen, die beim Hinschauen schon auseinander fallen, Fliegengitter, die beim ersten Schliessen des Fensters aus dem Rahmen purzeln, etc. Das Groesste war sicherlich ein "Technicien" der beim Anschluss einer Steckdose den gelb-gruen gestreiften, ihm unbekannten Draht halt irgendwo angeklemmt und prompt die Phase erwischt hat wodurch natuerlich alle Geraete im Schulungsraum unter Spanung standen. Durch Zufall und weil Markus einem ungewohnlichen Funkenflug nachging haben wir das noch rechtzeitig entdeckt. Um ehrlich zu sein, produziert diese zunaecht einmal andere Art des Umgangs, die mit der vor allem im deutschen Sprachraum sehr gerne gepflegten Puenktlichkeit und Zuverlaessigkeit schwer vertraeglich ist, zweierlei Schwierigkeiten die auch mit uns, den Oesis zu tun haben: 1. Es dauert alles sehr lange, weil viele Leute viel Zeit damit verbringen auf etwas oder jemanden zu warten. 2. Diese Unzuverlaessigkeiten verunsichern und frustrieren den oesterreischischen Teil des BnB Teams. Wir hatten lange geglaubt, dass mit Geduld und Flexibilitaet von unserer Seite sich dieses Problem in Wohlgefallen aufloesen wird. Es war nicht so - im Gegenteil, wir haben zu lange gewartet und unsere Motivation ist dadurch klammheimlich untergraben worden. Jetzt ist es sehr muehsam, diese wieder aufzubauen und nebenher, ohne noch mehr Ressentiments gegen unsere kongolesischen PartnerInnen zu entwickeln, die Organisation auf Vordermann zu bringen. ... LICHTE STREIFEN ... Auf der positiven Seite ist zu vermerken, dass Bino na Biso sich sehr rasch dazu entschliessen konnte, eine humanistiche Kooperative als Geschaeftsmodell zu waehlen, womit vor allem der Einfluss und der Profit der Investoren beschraenkt wird, respektive die Mitarbeitenden schrittweise mehr und mehr Einfluss gewinnen aber auch Verantwortung uebernehmen werden. ... LEICHENBLAESSE UND GEBETE Soziales Netz: Es ist schwer, sehr schwer hier einsam zu sein. Das was bei uns in Oesterreich vor allem mit der Auszahlung von staatlich regelmentierten Almosen in Verbindung gebracht wird, sind hier die vielen Menschen - um genauer zu sein, die vielen Beziehungen und die bereits mehrfach erwaehnten, engen, "kuscheligen" Lebensbedingungen, die schon einmal ins Beklemmende gehen koennen. Mir persoenlich hat diese Lebensart allerdings mehr geholfen als dass ich mich dadurch eingeschraenkt gefuehlt haette. Nicht zuletzt an jenem denkwuerdigen Abend, als Anoki (unser Kleiner) mitten in der Nacht zum Kotzen angefangen und Lisi aus dem Bett springend und den Napf holend einen Kreislaufzusammenbruch hatte. Doch nicht einmal um zwei Uhr in der Frueh hatte sie die Chance in Ruhe und muttersselenalleine auf den Kuechboden zu donnern, weil "zufaellig" jemand in der Naehe war, der sie dort aufgefangen und mich gerufen hatte. Ich musste dann nur noch zwischen Anoki (Koepfchen zum Kotzen halten) und Lisi (Seitenlagerung am Kuechboden) hin und herlaufen um so meine Kleinstfamilie bei Laune zu halten. Den ultimativen Exotikkick verpasste uns dann eine Mama, die sich kurzerhand die Bibel schnappte und mit wildem Gefuchtel und Schnalzlauten ich weiss nicht was alles von der leichenblassen Lisi fern halten wollte. Hat mich echt beruhigt, dass man schon fuer sie gebetet hat :-) FETTER VOGEL FUeR DEN KONGO (Pinguine [frz. von lat. pinguis "fett", "plump"] Ordnung flugunfähiger Meeresvoegel der suedl. Halbkugel) Das Linux-Maskottchen Tux, ein stilisierter Pinguin, koennte bald eine gewichtige Rolle im kongolesischen Schulsystem uebernehmen und somit die Userbasis von Linux um weiter 55 Millionen Menschen erweitern. Der von Bino na Biso eingereichte Lehrplan ("Programm National de Informatique) basiert vollstaendig auf Linux und Open Source Software. Wird er verbindlich fuer alle Sekundaerschulen im Kongo, kommt viel Arbeit auf uns zu. Mit diesen wiederum guten Nachrichten moechte ich mich fuer diesmal verabschieden - es kann ein, dass es noch einmal eine Aussendung in ca. einem halben Jahr gibt - ab dann, sollte das Projekt Congo:Deux kein Projekt mehr sondern Normalzustand sein - oder wir sind baden gegegangen, was natuerlich immer noch moeglich ist. Gruesse, auch im Namen des Teams und vor allem von Frank, Ingo. Bino na Biso - Kontakt ====================== Webseite http://ingo.netomania.at/bnb/de/index.html Anschrift/Mail Wien: Frank Tenday Luaba Kreindlgasse 7/2/2 A-1190 Wien/Vienna Kinshasa: B3j555 Salongo-Sud Lemba-Kinshasa DRC Elektronische Post/E-Mail frank@vum.at ingo@vum.at fernmündliche Adresse/Phone Festnetz Wien: (+43-1) 595 57 66 Mobiltel. Frank Tenday Luaba/Wien: (+43-676) 430 8597 Mobiltel. Frank Tenday Luaba/Kinshasa: (+243) 815 18 12 18 Mobiltel. Ingo Lantschner/Wien: (+43-664) 143 84 18 Mobiltel. Markus Nicolussi/Kinshasa: (+243) 987 54 272 Zeitzone Kinshasa ident mit MEZ (=GMT+1h); keine Sommerzeit